Editor’s Letter: Hanna, wo bist Du?

Ich glaube, es hatte sich schon länger angekündigt – das Private, das Berufliche, die Pause. Und dann kam der Tag an dem alles zusammen brach und ich wusste, dass ich das hier so nicht erzählen kann. Ich bewahre mir so viel Privates wie möglich, auch wenn viele Leute glauben, alles von mir durch das Netz zu wissen. Wahrscheinlich sind es nicht mal 20% und der Rest beginnt da, wo Social Media aufhört. Als meine Grenze erreicht war, brauchte ich ein STOP – privat wie beruflich – ein paar Tage ohne Blog, ohne Instagram und ohne den Zwang etwas posten zu müssen. Den bekommt man automatisch, wenn man in dieser Blase lebt und arbeitet, es ist fast unmöglich sich davon zu entziehen. Es ist eine der Schattenseiten eines Traumjobs, für den ich dennoch jeden Tag wahnsinnig dankbar bin.

Zwei Wochen lang war ich nicht auf Instagram. Die ersten Tage habe ich mich nur gedanklich davon distanziert und habe dann doch, aus Langeweile und dem daraus resultierendem Reflex, immer wieder auf die App geklickt. Es ist, als ob man das Gehirn damit ein bisschen leer scrollen kann, so wie man sich früher nach der Schule vor den Fernseher gelegt und gezappt hat, bis man halbwegs den Schulalltag hinter sich lassen konnte. Nicht klicken, nicht liken – nur scrollen. Oder Stories. Fast blindes konsumieren, swipen, weiter, scrollen, weiter… Bis ich mich dabei wieder ertappte und mich daraufhin bei Instagram erst mal abgemeldet habe. Das erneute Einloggen fand ich vor mir selbst so peinlich, dass ich es dann tatsächlich gelassen habe und mir eine echte Pause von Instagram nehmen konnte.

Instagram. Einst eine App, die ich nicht verstanden hatte, dann Mitbegründer des Fotofilter-Zeitalters, bis zur größten App 2019 mit aktuell 500 Millionen Nutzer – davon 300 Millionen, die die App täglich nutzen. Die Geschwindigkeit erinnert mich an die Londoner U-Bahn, die ich nur für einen Kurzbesuch in der britischen Metropole ertragen kann: Zu viele Menschen und zu viel Input auf kleinstem Raum, dazu eine Energie, gar so, als ob man einen Schritt langsamer nieder getrampelt wird. Kann man dem entfliehen?

Anfang des Jahres bin ich knapp 300 Accounts entfolgt – überwiegend Marken, die mich entweder nicht mehr interessieren oder die ich, wegen ein paar News im Jahr, nicht in meinem Feed brauche. Aber es waren auch Frauen und Kolleginnen dabei, bei denen mir das „entfolgen“ nicht so einfach von der Hand ging. Privat verstehen wir uns super, aber der Content interessiert mich schlichtweg nicht. Schlimm? Gar nicht! Ich möchte selbst ja auch keine Menschen in meiner Community wissen, die mir nur folgen, damit sie ein paar Wochen später, auf einem Event, sagen können, sie wissen, was ich letzte Woche gemacht habe. Die Frage war klar: Wem will ich „folgen“ und was will ich sehen?

Die Antwort habe ich vor Wochen schon gesucht, aber erst jetzt gefunden, als ich wirklich mal zwei Wochen keinen Kontakt mit der App hatte. Eine Sache war schnell klar: Instagram BRAUCHT man nicht zum Leben. Wenn es also nur um den Spaß- oder Info-Faktor geht – was möchte ich nicht verpassen? Was möchte ich mir ansehen? Aus dem Off heraus habe ich versucht mir aus dem Kopf Accounts aufzuschreiben (Zettel! Stift!), die ich in toller Erinnerung habe, die mich inspirieren und die mir ETWAS geben. Viele waren es ehrlich gesagt nicht und ich habe schnell bemerkt, dass ich einigen Leuten aus Höflichkeit und Anstand folge oder weil ich glaube, ich verpasse selbst sonst was. Ja, Hanna, sag mal: Geht’s noch? Was ist das für ein skurriles Denken?

Ich musste mir selbst eingestehen, dass Instagram mich oft negativ verstimmt, obwohl ich die Leute dahinter mag. Bestes Beispiel ist eine Person aus meiner Branche, die ich sehr schätze und die Bilder, wie Stories, sehr mag. NACH dem Ansehen aber, fange ich an vieles MEINER Welt in Frage zu setzen: Meinen Style, meinen Körper und meine Luxusgüter. Dabei war ich mir doch SO sicher mit mir und meinem Style, so sicher mit mir selbst. Was war los? Warum schenkt mir diese Frau, die ich persönlich so gerne spreche und die mir immer Freundlichkeit und einen warmen Small Talk schenkt, Neid- und Schuldgefühle? Schuld mir selbst, Schuld, dass ich nicht so schnell bin wie sie, nicht so stylisch bin wie sie, nicht so geile Jobs habe… Obwohl ich sie habe.

STOP! Ich musste die Notbremse ziehen. Der Vergleich killt. Er tötet Freude und Kreativität, er bringt diesen einen Keim in mir um, auf den meine ganze Arbeit aufbaut: Meine Passion. Also musste ich erst mal ganz raus, um wieder mal rein (schauen) zu können. Und das habe ich nach 14 Tagen dann tatsächlich gemacht. Vorsichtig, nicht allzu lange. Und das fühlte sich an, als ob man gerne Soul hört und den Kopf kurz in einen Club steckt, in dem nur Drum’n’Bass gespielt wird. Danach habe ich erst mal durch geatmet und mir überlegt, was jetzt zu tun ist. Denn eines wurde mir in zwei Wochen klar: Wenn mir etwas fehlt, dass seid es IHR. Und wenn ich etwas vermisse, dann sind meine Bilder und Stories, die ich aus dem Bauch heraus mache, weil ich vielleicht gerade einen geilen Lippenstift entdeckt habe oder weil ich euch etwas anderes Oberaffengeiles zeigen muss. So hat Instagram doch angefangen, oder? Und dann kam der Like-Wahnsinn und es folgten, bis heute, inszenierte Bilder und Shootings nur für Instagram – stundenlange Arbeit für EIN Bild, denn ein zweites aus der Strecke langweilt die Zuseher schon. Puh.

Ich musste mich frei machen. Frei von Marken, die nicht mit mir arbeiten wollen, weil ich nicht „100K“ habe. Frei machen vom Vergleich. Frei machen, Bilder posten zu MÜSSEN, weil Instagram das offiziell sagt, „sonst wächst man nicht“. Dann wurde mir klar, dass ich nur das zeigen und machen und posten kann, was mir entspricht und es nicht viel anders machen kann, wie ich es gemacht habe. Mal spontaner, mal überlegter, mal mit mehr und mal mit wenig Likes. Produktbilder klickt heute kaum noch einer, aber trotzdem poste ich sie gerne, weil ich dazu was sagen möchte, weil ich dazu was sagen kann. Das ist nämlich genau auch das, was ich selbst bei Instagram suche: Echte Meinung. Echte Stimmen, die mir etwas zeigen und geben, die mich inspirieren und zum Nachdenken anregen. Die mein Unterbewusstsein weg vom Vergleich, sondern meine Seele in ein Gemeinschaftsgefühl rückt.

Das bedeutete für mich: Weiter aufräumen. Der unglaublich netten Dame, von der ich sprach, tatsächlich erst mal entfolgen. Noch mehr Diversität in meinen Feed holen – und damit meine ich ganz ganz vieles Unterschiedliches. Super interessant finde ich z.B. mal das Handy eines Freundes in die Hand zu nehmen und durch Instagram zu scrollen. Wenig Schnittmenge und plötzlich ganz viele neue Accounts. Da merkt man erst mal, wie groß Instagram eigentlich wirklich ist und dass man sich gerne in einer Blase aufhält.

Jetzt fahre ich erst mal zwei Wochen nach Österreich. Durchatmen, bevor ein neues Kapitel beginnt. Das beginnt übrigens schon bald, aber ich musste ihm mehr Raum schenken. Die letzten Wochen waren Privat sehr schwer für mich und ich musste mir eingestehen, dass ich nicht alles auf einmal kann und das manches einfach Zeit braucht. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei euch für die unglaublich lieben Nachrichten und Fragen nach meinem Befinden, sowie die vielen lieben Kommentare unter diesem Instagram-Post, die beweisen, dass ihr einfach die besten LeserInnen der Welt seid. Apropos Kommentare: Aus technischen Gründen funktioniert die Kommentarfuntkion hier auf dem Blog bis zum Relaunch nicht. Sorry! Wenn ihr was Dringendes los werden wollt oder Fragen habt, schreibt mir gerne eine Mail, hinterlasst ein paar Zeilen bei Instagram oder schickt dort eine Direkt-Nachricht. Ich versuche so viel wie möglich zu beantworten.

In den kommenden Tagen werde ich immer mal wieder was posten – hier oder auf Instagram, je nachdem, wie es aus mir raus kommt. So habe ich immer gebloggt, in all den 7 Jahren und es ist wohl der schönste Weg in diesem Business. Sich selbst treu bleiben – klingt immer so einfach, ist es aber nicht immer. „Stay True“ steht auf einer Postkarte neben mir auf dem Schreibtisch – „ja ja“ sage ich ihr manchmal, wenn sie meinen Blick kreuzt, weil ich die Karte nicht mehr sehen kann. An der eigenen Wahrheit kann man sich aber nicht satt sehen, die muss man sich nur wieder vor Augen führen.

Zum Abschluss meines Updates noch ein englisches Zitat, das mir vor einiger Zeit ein Herzensmensch geschickt hat. Vielleicht tut es euch genau so gut wie mir: „You have to fight through some bad days to earn the the best days of your life.“

Macht es gut, wir hören uns!

xx Hanna

 

 

Bilder: Yelda Yilmaz / Instagram: @yeldayilmazphotography

 

 

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