Ballett is beautiful

Heute hatte ich meine erste Ballettstunde. Also, nicht meine allererste, denn ich habe früher jahrelang getanzt. Ich erzähle gerne, dass ich 15 Jahre Ballett gemacht habe und korrigiere mich dann selber, indem ich sage ‚sehr sehr lange‘. Genau genommen waren es 12 Jahre – von 3 bis 15 – bis zu dem Zeitpunkt, wo jugendliche Gedanken und ein Punkrock-Wind durch mein Leben pfiffen. Ab dem Herbst hatte ich plötzlich genug von der strengen Klaviermusik, der Disziplin und vor allem von den Blicken der Anderen. Ich erinnere mich noch wahnsinnig gut an den Druck vor einer Jahresaufführung, bei der alle so taten, als wären sie das NYC Ballett. Es wurde gehungert, trainiert und geschwitzt, bis an den Abend, an dem unsere Eltern uns all den Applaus schenkten, den sie in ihren Armen hatten. Leuchtende Gesichter und hochrote Köpfe im ÖGB Zentrum Klagenfurt, für die meisten das Highlight des Jahres, für mich meine eigene Welt in diesem tristen Veranstaltungszentrum der 80er Jahre. Mit ‚eigene Welt‘ meine ich, dass ich nämlich immer gerne auf der Bühne stand und für mein Leben gerne getanzt habe. Für mich, nicht für die Anderen. Die Kostüme fand ich meistens schrecklich, die Choreographien großartig. Weniger gerne mochte ich die Kommentare der Ballettlehrerin (‚eigentlich bist Du ja gar nicht dick! Du hast einen sehr schmalen Brustkorb, aber den sieht man nicht, da Dein Busen so groß ist!‘) und die Blicke der Mädchen, die mit mir trainierten. Vom Kinderballett, über das Stadttheater bis hin zum professionellen Training – es hörte nicht auf, wer etwas anderes behauptet lügt. Ich war immer die Jüngste, die Kleinste und die Kräftigste – wenn ich mir heute Bilder ansehe, erschrecke ich mich, wie durchtrainiert und dünn ich damals war. Wer hat hier die verdunkelte Brille getragen und wer hat mir diesen falschen Blick über meinen Körper antrainiert?

Ich habe mich 12 Jahre durch ein hartes Stangentraining gekämpft und immer das Grande Plié gehasst, immer Sprungkombinationen geliebt und zu spät verstanden, wie Pirouetten funktionieren. Die kann ich bis heute, es ist alles eine Frage der Körperspannung. Letztere fehlt mir aber momentan sehr und es hat mich mehrere Monate gekostet, dass ich mir einen Ballettkurs in Hamburg gesucht habe. Das Trikot war schnell gekauft, die Überwindung ist aber leider unbezahlbar – diese musste ich aus meinem eigenen Rucksack holen. In diesem kleben viele Bilder der Erinnerung, die leider einen Schatten auf die Freude gelegt haben, wie viel Spaß mir das Tanzen bringt. Ich mochte klassische Musik seit der ersten Klasse – meine erste eigene CD war Tchaikovskys Schwanensee und mein Lieblingsfilm eine Dokumentation über Margot Fonteyn – der Königin des Balletts. Ich bewunderte sie für Ihre Stärke, Ihre Zartheit und diese individuellen Bewegungen, für die sie heute noch viele verehren. Aus heutiger Sicht hat Margot schlampig getanzt, so tanzt heute auf den Bühnen niemand mehr. Als Kind konnte ich das alles nicht sehen, hatte die erste Gänsehaut meines Lebens und habe ihren Feinsinn für die Musik als allerhöchstes Gut genommen. Man beachte ihren Gesichtsausdruck und das Lächeln, die mich berühren. Die Musik liebe ich bis heute, bekomme noch immer Gänsehaut (ist sie nicht bezaubernd?) wenn ich den ersten Akt aus Dornröschen höre und sehe und wünschte manchmal, dass ich im Alltag meine Gefühle durch Bewegungen ausdrücken könnte – oft reichen mir Worte einfach nicht aus.

Diesem starken Gefühl wollte ich wieder nach gehen. Dem starken Gefühl mit sich zu sein, die Musik in seine Venen fließen zu lassen und so viel Kraft zu haben, dass man gezielt explodieren kann. Grande Jeté! Ich muss gar nichts mehr schaffen, bin nicht mehr die Jüngste, Kleinste und Kräftigste und messe mich schon lange nicht mehr mit letztem Maß. Die Musik kommt schon lange nicht mehr nur vom Klavier, die Übungen müssen nicht immer 0815 sein. Mein Herz geht über, wenn ich an der Stange stehen kann und es bedurfte einer so langen Pause um zu verstehen, dass Ballett immer einen großen Platz in meinem Herzen haben wird und ich dies nur für mich genießen darf. Nun trainiere ich für mich und nicht mehr für eine Jahresaufführung und den Applaus suche ich längst an einem anderen Platz in meinem Leben…

Bilder: Pinterest

 

 

4 Comments

  • Antworten Mai 16, 2015

    Larissa

    Dein Beitrag berührt mich sehr! Ich kann deine Erfahrungen sehr gut nachempfinden. Ich war auch immer die kleinste und die „dickste“ und dieser Druck hat mir den Spaß am Ballet genommen. Ich finde es toll, dass du wieder tanzt und diese Geschichte teilst, eine wahre Inspiration!

  • Antworten Mai 16, 2015

    Anja

    Ich finde Ballett toll, wegen der Körperästhetik. Diese Kraft des Körpers und die Muskelspannung, das finde ich sehr bewundernswert und schaue mir gerne Dokumentationen an. ich habe selber nie getanzt, was ich schade finde. Denn ich glaube, dass Ballett sehr viel für die Körperhaltung und das Körperbewusstsein bringt. Schade, dass Ballett so sehr mit androgynen Körpern verbunden ist und zu viel Weiblichkeit eher negativ angesehen wird. Ich glaube nicht, dass die Ästhetik darunter leiden würde mehr Weiblichkeit zu zulassen.

  • Ein sehr emotionaler und ehrlicher Post. Ich kann es Dir so gut nachfühlen, etwas wiederzuentdecken, dass man in seinem Leben unter zig Schichten begraben glaubt.

    Alles Liebe, Heli von lavenderprovince.wordpress.com

  • Antworten Mai 20, 2015

    Franzi

    So ein schöner Beitrag. Ich habe als Kind nie Ballett gemacht, war aber immer fasziniert von Reportagen über angehende Tänzer. Jetzt gibt es in München Barre Kurse in unserem Fitness Studio und es ist mit Sicherheit nicht das selbe, und auch wenn ich mich wie das kleine fette Mädchen in der Ballettklasse fühle, das Training ist toll! Seitdem habe ich eine ganz andere Wertschätzung für Balletttänzer, das Training ist wirklich hardcore!

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